Migration in Brandenburg – ein historischer Überblick

Migrationen mit all ihren Ursachen und Facetten sind kein Phänomen der Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit. Brandenburg ist ein Einwanderungsland. Von den Anfängen im Mittelalter, als sich ein Territorium mit dem Namen Brandenburg herausbildete, prägten Einwanderer seine Landesgeschichte wesentlich mit. Kamen zunächst deutsche Fürsten als Eroberer in die von Slawen bewohnten Landstriche, folgten ihnen ab dem 12. Jahrhundert hauptsächlich christliche Einwandernde aus dem Westen des heutigen Deutschlands, Belgiens und der Niederlande. Sie besiedelten unbewohnte wie bewohnte Gegenden, vermischten sich mit den Einheimischen, gründeten Städte und Dörfer.

Mobilität und Migration waren in der Vergangenheit üblicher als allgemein angenommen. In der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert wechselten in ganz Europa fast die Hälfte der Menschen in ihrem Leben einmal oder mehrmals ihren Wohnort. Oft waren Migrationen nur auf einen kleineren geografischen Raum beschränkt, doch insbesondere nach Brandenburg kam es in diesem Zeitraum zu Ein- und Zuwanderung in großer Zahl auch von weiter her. Dies hing vor allem mit den Folgen des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) zusammen, der zu hohem Bevölkerungsverlust, verlassenen und zerstörten Ortschaften und verwüsteten Landstrichen geführt hatte. Die Landesherren waren bestrebt, durch gezielte Ansiedlung (Peuplierung) Menschen nach Brandenburg zu holen. Sie begründeten damit den noch heute bestehenden Ruf Brandenburgs als Schmelztiegel verschiedener Kulturen und als tolerantes Herrschaftsgebiet, in dem Glaubensflüchtlinge Schutz fanden.  Als bekannteste Beispiele gelten die Einwanderung der Hugenotten aus Frankreich sowie der lutherischen Salzburger, die in Ostpreußen eine neue Heimat fanden. Sie sind jedoch nur zwei von vielen Gruppen, zu denen u. a. auch  Migranten aus Österreich, der Schweiz, Pfalz, Böhmen, Schlesien und den Niederlanden zählten. Der weitaus größte Teil der Zugewanderten stammte aus Europa. Doch auch aus Afrika und Asien kamen Menschen nach Brandenburg: als Kriegsgefangene, Sklaven, Hofbedienstete und Soldaten.

Unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Glauben – ob Lutheraner, Reformierte, Katholiken, Juden oder Muslime –, ihrer Bildung und ihren Qualifikationen wiederholten sich im Lauf der Geschichte bis heute Reflexe und Probleme zwischen den Einheimischen vor Ort und den Zugewanderten. Was heute aus gutem Grund als Erfolgsgeschichte eines Landes gilt, rief damals ähnliche Diskussionen über Einwanderung und Integration hervor wie heute: Ängste vor Veränderungen, vor Verlust von Arbeitsplatz und Einkommen, das Gefühl der „Überfremdung“ und Verlust der Identität der Eindruck zu Gunsten der Neuankommenden benachteiligt zu werden. Dem standen die Ängste der Zugewanderten über ihre Zukunft gegenüber. Dies trifft auch auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu, in der Vertriebene und Geflüchtete aus ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten im Osten nach Brandenburg kamen. Über eine halbe Million betrug ihre Zahl. Offiziell als „Umsiedler“ bezeichnet blieben ungefähr 140 000 dauerhaft.

Ein- und Zuwanderung gehören aus historischer Sicht also geradezu zur Identität und Tradition des Landes Brandenburg. Es ist daher bezeichnend, dass das literarische Werk, das bis in die Gegenwart wie kein anderes das Bild dieses Landes prägt und wie wenige seine Identität mit herausgebildet hat, von einem Nachfahren von Migranten stammt – Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“.

Stadtplan von Potsdam mit seinen Erweiterungen bis 1797, Kupferstich von J. C. Frentzel, Aufnahme von Samuel von Suchodolez (1683), ergänzt von Friedrich Gottlieb Schadow © HBPG

Die Entwicklung der heutigen Hauptstadt des Bundeslandes spiegelt eindrücklich die Geschichte Brandenburgs als Einwanderungsland. Der Stadtplan zeigt mit den schwarz gefärbten Gebäuden den Zustand der Stadt 1683. Die roten Bebauungsflächen bezeichnen die Erweiterungen der Stadt bis in das Jahr 1797. Aus dem unscheinbaren Ort war eine blühende Stadt, Nebenresidenz der brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige, geworden. Dies verdankte Potsdam auch seinen zahlreichen Zugewanderten, die wie beispielsweise die Niederländer ganz neue Quartiere der Stadt bewohnten. Aber auch Juden, Böhmen, Hugenotten, Hofkünstler und -bediente sowie Soldaten aus Europa, Afrika und Asien lebten in der Stadt. Es gab Kirchen für die verschiedenen christlichen Konfessionen, eine Synagoge und vermutlich kurzzeitig sogar eine Moschee bzw. einen Gebetsraum für Muslime im Militärwaisenhaus.