Jüdische Migration im 16. Jahrhundert

Seit slawischer Zeit lebten jüdische Familien im heutigen Brandenburg. Im Mittelalter bewohnten sie in größerer Zahl die Alt- und Mittelmark. Sie gehörten zu den ersten Bewohner*innen der im 13. Jahrhundert aufblühenden Doppelstadt Berlin-Cölln, und in Frankfurt an der Oder gab es um 1300 bereits eine Synagoge.  Gleichzeitig wuchs jedoch ihre Abhängigkeit von der Gnade der christlichen Obrigkeiten. Nach und nach aus vielen Berufsfeldern verdrängt, da ihnen der Zugang zu den Zünften verwehrt blieb, arbeiteten die jüdischen Brandenburger*innen vornehmlich im Kreditwesen, Kleinhandel sowie in Berufen, die, wie zum Beispiel der Schächter, in unmittelbarem Zusammenhang mit den Bedürfnissen jüdischen Lebens standen. Zwar bestätigte Kurfürst Friedrich I., mit dem die Herrschaft der Hohenzollern über Brandenburg begann, die älteren Privilegien seiner jüdischen Untertanen, die sie im Gerichtswesen seinen christlichen Untertanen gleichstellte. Doch bereits dessen Nachfolger Friedrich II. verwies im Jahr 1446 alle märkischen Juden des Landes. Gegen hohe Geldzahlungen und mit eingeschränkten Rechten, wie etwa dem Verbot privaten Hausbesitzes, konnten sie im Folgejahr zurückkehren – ein sich wiederholendes Muster von landesherrschaftlicher Duldung und Verfolgung, das 1510 in Folge des Berliner Hostienschändungsprozesses in einer erneuten landesweiten Ausweisung von Brandenburger*innen jüdischen Glaubens gipfelte.

Häufig wanderten die Vertriebenen in das benachbarte und weitaus tolerantere Polen aus. Mehr als 30 Jahre später gestattete ihnen Kurfürst Joachim II. gegen hohe Summen die Rückkehr in ihre alte Heimat. Jüdisches Leben kehrte nach Brandenburg zurück, allerdings nur für kurze Zeit. Angst vor dem „Fremden“, Vorurteile, die weit verbreitete Vorstellung von den Juden als Mörder Jesu Christi sowie wirtschaftliche Interessen als Gründe für Verfolgung und Vertreibung blieben nicht auf das Mittelalter beschränkt. Obwohl der Kurfürst anfänglich die jüdischen Neueinwanderer schützte, bewog ihn vermutlich ein Schreiben Martin Luthers dazu, ihnen 1543 die Teilnahme an der Frankfurter Messe zu untersagen. Später war ihnen die Teilnahme zwar wieder erlaubt, dafür durften sie in Frankfurt kurzzeitig nicht mehr wohnen. Mit Lippold Ben Cluchhim gelang einem der Rückkehrer ein beachtlicher Aufstieg am Hof des Kurfürsten. Joachim II. ernannte ihn zum Kämmerer und Hoffaktor, zum Vorsteher aller brandenburgischen Juden und schließlich zum Münzmeister. Damit war er verantwortlich dafür, Geld für die enormen Bedarfe des Hofes zu beschaffen. Dies wurde ihm nach dem Tod des Kurfürsten 1571 zum Verhängnis. Der Unterschlagung angeklagt, ergab sich seine Unschuld. Erst vor drohender Folter gab Lippold Ben Cluchhim an, Zaubereien und Giftmorde begangen zu haben. Sein Prozess und seine Verurteilung durch Rädern, Vierteilen und Köpfen war der Beginn einer neuerlichen landesweiten Verfolgung jüdischer Familien. Die christlichen Nachbarn plünderten ihre Häuser und verbrannten Schuldscheine. 1573 mussten sämtliche Juden Brandenburg erneut verlassen und durften selbst beweglichen Besitz nicht mitnehmen. Erst knapp ein Jahrhundert später nahm Kurfürst Friedrich Wilhelm 1671 jüdische Geflüchtete aus Österreich in Brandenburg auf. Es kamen 50 Familien. Dies war der Beginn neuen jüdischen Lebens im Land, das erst durch den Holocaust im 20. Jahrhundert erneut ein vorläufiges Ende fand.

Titelblatt der Fünf Bücher Moses, Frankfurt (Oder) 1595/96 © Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

Ungeachtet der wenige Jahre zuvor ausgewiesenen Juden aus Brandenburg entwickelte sich die Universität in Frankfurt an der Oder zu einem Zentrum der Hebraistik. Dies schlug sich auch im hebräischen Buchdruck nieder. Dem Verleger Hans Hartmann und seinem Sohn gelang es bis 1596, eine hebräische Bibel zu drucken. Polnischen Juden war der Handel auf der Frankfurter Messe auch nach 1571 erlaubt. Dies führte zu Kontakten zwischen akademischer und jüdischer Welt. Neben diesem Einfluss auf die wissenschaftlichen Studien bedeutete der hebräische Bibeldruck auch wirtschaftlichen Erfolg. Die im benachbarten Polen lebenden Juden kauften die in Frankfurt gedruckten Werke gern.